Apropos

Ausgangs- und Knotenpunkt der Arbeiten der Forschergruppe zu „Philologie und Sprachästhetik“ ist eine eine ebenso schlichte wie verabgründende Frage: Was heißt lesen? Wie sind Subjekt und Objekt der Lektüre zu fassen und welche methodologischen und epistemologischen Prämissen unterliegen ihrer Annahme? Wie sind entsprechend Gegenstand und mögliches Resultat einer Lektüre zu denken? Was ist, materiell und ideell gedacht, ein Text – was eine Lektüre?

Der aktuelle Diskurs über die Frage des Lesens scheint in zwei Positionen gespalten. Entweder man stellt die Frage nach der Lektüre ausgehend vom Standpunkt des Lesers, seiner Psychologie, Wahrnehmung und Fähigkeit der Sinnschöpfung, und unterstellt somit eine Art rezipierende Subjektivität, die je nach theoretischer Ausrichtung verschiedene Formen und Beschreibungen finden kann. Oder aber man situiert die Frage der Subjektivität nicht auf Seiten des Lesers, sondern auf derjenigen der Sprache und unterstellt somit eine Art Eigenleben des textlichen Geschehens, das ebenfalls verschiedene Benennungen finden kann, und dem der Leser als seinerseits sprachlich konstituiert unterworfen ist. Die geläufigsten Namen für diese zweite Position, die ausschließlich sprachimmanente Bewegungen in den Blick nimmt, sind gewiss die der Buchstäblichkeit und der Schrift, welche traditionell geläufige Kategorien wie Imagination, Historizität und Wahrnehmung verabschieden. In dieser zweiten Perspektive gilt Schrift als eine spezifische Form von Materie oder Stofflichkeit, der eine eigene Zeitlichkeit und Dauer innewohnt. Die Beziehung zwischen Text und Interpret kann somit nicht länger als nur einseitiger Zugriff des Interpreten auf den Text verstanden werden, sondern vielmehr agiert der Text selbst und zeitigt Effekte, deren spezifischer (Sprach-)Logik es nachzuspüren gilt.

Es ist die von dieser Einsicht ihren Ausgang nehmende Frage nach der Möglichkeit, Lesen als Begegnung von Text und Leser, als wechselseitige Aktivität und Lebendigkeit, zu begreifen, der sich die Beschäftigungen der Forschergruppe und diese Seiten, die allen philologischen Lesern offenstehen, widmen.

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